Reden andere freier über Sex als ich? Wie kann ich es besser machen?

Liebe Frau Poschenrieder,
ich hätte da mal eine Frage, die mich allgemein beschäftigt. Momentan ist es kein aktuelles Thema für mich, weil ich seit einem Jahr von meiner Frau getrennt bin, aber in unserer Ehe war es schon ein Thema… Es geht darum, dass wir nie so richtig frei über Sex reden konnten, und das führte letztendlich dazu, dass unser Sexualleben sich nie richtig entfaltet hat, sondern in Routine steckenblieb und schleißlich einschlief. Wie ist das bei anderen? Können die meisten Leute ganz offen über Sex und ihre sexuellen Wünsche reden und das, was sie stört, reden? Sind meine Exfrau und ich besonders verklemmt? Was könnte ich eventuell tun, damit das in meiner nächsten Beziehung nicht wieder passiert?
Herzlichen Dank im voraus
Jörg (42)

Lieber Jörg,
„Können die meisten Leute ganz offen über Sex und ihre sexuellen Wünsche reden und das, was sie stört, reden?“
Laut Umfrage können das nur rund die Hälfte der Deutschen. Die andere Hälfte also nicht.
Viele Frauen reden mit Freundinnen offener über Sex als mit ihrem Partner. Männer wiederum tendieren dazu, icht mal mit Freunden offen über ihre sexuellen Probleme und Wünsche zu reden, sondern eher eigene Heldentaten hervorzuheben, Negatives wird nicht preisgegeben, denn das könnte als Makel auf einen zurückfallen. Wenn Paare nicht offen über Sex miteinander reden, führt das zu Vermeidungshaltung in bestimmten Sachen (Sex vermeiden, bestimmte Sachen werden vermieden: Stellungswechsel, Oralsex, Vorspiel…). 
Ratschlag: Wenn man mit seinen Freundinnen und Freunden offener über Sex sprechen kann als mit seinem Partner, ist da was faul. Was befürchet man? Ablehnung, Missachtung? Oder dass sich der andere unter Druck gesetzt fühlt?
Diese Gefahren verringert man, indem man es richtig transportiert: es muss einigermaßen gut ankommen beim Partner (wichtig!). Bei kritischen Themen sollte man sich vorher überlegen, wie man es diplomatisch formuliert. Wichtig ist auch, dass man Sachen, die man beim Sex nicht mag, möglichst nicht im Akt selbst thematisiert, sondern dass man das hinterher bespricht oder bei einer Gelegenheit, bei der man in einer angenehmen Situation zusammen ist. Während des Aktes ist Körpersprache besser (z.B. Hand ergreifen und dort hinführen, wo man sie haben will). 
Menschen, die nicht offen über Sex reden, haben auf eine Weise eingetrichtert bekommen, dass Sexualität nichts Selbstverständliches ist, sondern dass es etwas Schmutziges ist oder etwas, das man dem Anderen nicht zumuten sollte (Sex hat also einen negativen Touch). Diese Menschen bekennen sich nicht zu ihrer eigenen Sexualität und dazu, sexuelle Wesen zu sein. Das ist der erste Schritt: Wir müssen es akzeptieren und gutheißen, dass wir sexuelle Wesen sind, dass Sexualität etwas ganz Normales ist und zu uns gehört wie Essen, Trinken und Atmen.

Noch viel mehr Tipps und Infos über gelungene Sex-Kommunikation finden Sie in meinen Büchern „Sexbewusstsein“ und „Sex für Faule und Gestresste“.
Herzlichst
Beatrice Poschenrieder