Wir haben zu wenig Zeit füreinander, für die Beziehung

Wir haben keine bzw zu wenig Zeit füreinander, zu viel zu tun, Arbeit, der Alltag frisst uns auf

Kann eine Paar-Beziehung überhaupt gut gehen, wenn man kaum Zweisamkeit miteinander verbringt? Wie viel Zeit braucht eine gute Partnerschaft?

In einem anderen Beitrag („Wir sind von seinen Eltern abhängig“) habe ich mal angemerkt: «Ohne ausreichend gemeinsame Zeit hat eine Beziehung auf Dauer keine Basis – sie kann nicht wachsen, sondern verkümmert.»
Das betrifft sehr häufig Paare mit Kindern, aber auch Paare, die beide berufstätig und sehr stark in Verpflichtungen und/oder Freizeitaktivitäten eingebunden ist, und solche, wo einer der beiden Partner extrem viel arbeitet oder ein sehr aufwändiges Hobby pflegt oder sich anderweitig stark engagiert.

Mit „gemeinsame Zeit“ meine ich natürlich Quality Time: Das ist bewusst gestaltete Zweisamkeit bzw. ein bewusst gelebtes Miteinander. Das geht meist auch, wenn Kinder da sind, wobei dies nur wenige Paare hinkriegen – nämlich die, die es schaffen, ihren Kids liebevoll zu vermitteln, dass sie nicht nur Eltern und Versorger sind, sondern auch ein Liebespaar. Solche Paare geben der Pflege ihrer Beziehung gleichviel Gewicht wie der Fürsorge für die Kinder, sprich, sie stellen nicht die Kleinen in den absoluten Mittelpunkt und sind 24 Stunden am Tag nur für sie da, sondern z.B. schmusen auch im Beisein der Kinder mit dem Partner, geben sie öfter in die Obhut von Verwandten oder Freunden, um Zeit zu zweit zu haben, u.ä..

Eine Umfrage ergab: Fast 80 Prozent der deutschen Paare reservieren sich nicht regelmäßig Zeit füreinander!
Gilt das auch für euch?
Wenn euer Alltag so vollgestopft ist, dass scheinbar keine Zweisamkeit mehr dazwischenpasst:

Hausaufgabe 1: Entrümpelt euer Leben!
Wo sind die Zeit- und Energieräuber? Belastet euch zu viel Ballast? Werdet möglichst viel davon los! Setzt euch zusammen und erstellt eine Liste, wo ihr ansetzen könnt, z.B.:
– Müssen wir wirklich jeden Sonntag zu deinen oder meinen Eltern? Nein, und wir können es ihnen liebevoll sagen.
– Muss ich jeden Tag eine halbe oder ganze Stunde mit meiner Mutter telefonieren, nur weil es ihr sonst so langweilig ist? Oder bitte ich sie, sich um eine Freundin zu bemühen?
– Muss die Wohnung immer tiptop sein, oder kann man auch mal Fünfe grade sein lassen?
– Können wir ein bisschen Geld ausgeben für eine Reinigungskraft, einen Babysitter? Ja, wenn wir es hier ….. und da ….. einsparen.
– Müssen wir immer kochen, oder können wir auch mal essen gehen, etwas bestellen oder Tiefkühlkost zubereiten?
– Muss ich neben meinem Beruf und der Weiterbildung her auch noch in Vereinen tätig sein?
– Müssen wir unsere Kinder überall hin kutschieren, oder bringen wir ihnen bei, dass sie das Fahrrad oder die Öffis nehmen können?

Hausaufgabe 2: Verabredet Zeitfenster in der Woche, die nur für Zweisamkeit reserviert sind.
Gut wäre ein fester Abend werktags und mindestens ein halber Tag am Wochenende (im Durchschnitt), plus öfter ein ganzer Tag. Bei diesem Rat höre ich manchmal: „Aber das muss sich doch spontan ergeben!“ Tatsache ist, in längeren Beziehungen und bei einer bestimmten Paardynamik ergibt es sich eben kaum noch spontan. Das Ergebnis ist meist, dass sich garnichts mehr ergibt, oder viel zu wenig.
Selbst wenn ihr so einen Termin plant, muss keineswegs feststehen, was dann genau passiert. Es gibt noch viele Möglichkeiten für Spontanität! Denn die ist ja letztlich eine Frage eurer beider Offenheit und Flexibilität. Wenn ihr beispielsweise immer den Sonntagnachmittag füreinander freihaltet, kann Sex stattfinden, muss aber nicht. Ihr könnt euch erst mal körperlich was Gutes tun: in die Sauna gehen, zusammen baden, euch gegenseitig eincremen und massieren, einfach nur im Bett kuscheln, euch im Sommer ein einsames Plätzchen am See suchen und und und… Macht einfach mal ein Brainstorming für Ideen, zum Beispiel beim Samstagsfrühstück.

Hausaufgabe 3: Multi-Tasking.
Verbindet etwa Fernsehen und Zärtlichkeit: Streicheln, Kuscheln, Kosen. Oder gemeinsame Bewegung und Reden.

Hausaufgabe 4: Hebt eure Beziehung in eure Prioritätenliste!
Mach es deinem Partner klar: Was nützt es, wenn man sich zu sehr auf Alltag und/oder Elternschaft konzentriert und die gut hinkriegt, aber die Liebesbeziehung verkümmert? Es lohnt sich, seine Planung und seine Investments ein wenig umzustellen: Platz, Zeit, Energie – und etwas Geld: Zum Beispiel für eine Putzfrau, für Kinderbetreuung, Wochenendtrips, Wellness usw.

Viele Leute, denen ich all diese Dinge vorschlage, haben eine Menge Ausreden. Warum? Weil die unablässige Beschäftigung, der Zeitmangel, die Überlastung auch heimliche Vorteile bringen. Unter anderem, dass man etwas aus dem Weg gehen kann und immer einen guten Vorwand parat hat.
Hier muss man genau hinschauen: Hakt ́s an der Basis – der Zuneigung? Oder fühlt sich die gemeinsame Zeit nicht gut an? Etwa weil zu viel genörgelt wird? Weil es immer nur nach der Nase von einem der beiden geht? Es gibt unzählige Gründe…

Denn die meisten Leute hätten durchaus Kapazitäten übrig für eine aktive Verbesserung ihres Liebeslebens.
Also warum tun Menschen lieber was anderes? Oft ist die Wahrheit eine bittere:
Weil es (Fernsehen, Essen, Sport machen, Shoppen ect.) bequemer und einfacher ist, oder weil es ihnen mehr bringt als die Zweisamkeit, die sie zuletzt mit dem Partner hatten. Vielleicht auch weil sie mit etwas Unangenehmen verbunden ist. Oder weil es unangenehm ist, es dem Partner zu sagen. Weil man Konflikte und Auseinandersetzungen scheut. Weil der andere dann Sachen sagen könnte, die man nicht hören will, oder böse auf einen sein könnte. Weil es Mühe macht, etwas zu verändern, aber man dazu eben zu bequem ist. Weil man eventuell weitreichende Veränderungen einleiten müsste (z.B. zum Arzt gehen, sich behandeln lassen, Ernährung umstellen, Rauchen aufgeben).

© Beatrice Poschenrieder

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